Wer für Kinder schreibt, merkt schnell: Diese redaktionelle Arbeit nimmt in der Praxis deutlich mehr Zeit in Anspruch als ein Text für Erwachsene. Der Grund dafür ist simpel: Kindern fehlen schlicht bestimmte Lebenserfahrungen und Hintergrundinfos, die wir bei Erwachsenen ganz automatisch voraussetzen. Ihnen komplexe Sachverhalte verständlich zu erklären, ohne sie zu unterfordern, erfordert echtes Handwerk.
Im zweiten Teil unserer vierteiligen Blogserie schauen wir uns an, wie Sie durch den richtigen Schreibstil den perfekten Ton treffen. Hier sind die Tipps 6 bis 10 für starke Kindertexte.
6. Keine Verniedlichung
Verzichten Sie auf Verniedlichungen, abenteuerliche Wortschöpfungen und Lautmalerei – erst recht, wenn Sie über ernste Themen wie Arztbesuche, Klimawandel oder bedrohte Tierarten schreiben. Vergessen Sie nicht Ihren Humor, aber nehmen Sie Ihre jungen Leser ernst. Sie sprechen zu intelligenten Menschen, die nicht mit Babygebrabbel abgespeist werden wollen. Vermeiden Sie alberne Phrasen wie: „Guck mal, wie das kleine Pinguinchen auf der Eisscholle Winke-Winke macht – Huuuiiieeh, schon ist es ins Wasser gerutscht!“ Oder: „Der Elefant hat eine gaaanz lange Nase. Die braucht er nicht zum Popeln. Nein, damit spritzt er Wasser. Klitsch-klatsch, und schon ist die ganze Herde nass!“ Übrigens: Diese Beispiele habe ich mir nicht ausgedacht.
7. Die 15-Wörter-Regel
Schreiben Sie Sätze mit maximal 10 bis 15 Wörtern. Lange Satzkonstruktionen überfordern das Kurzzeitgedächtnis beim Lesen. Stilistisch ist das nicht immer schön und man ist ja auf seine eleganten Satzkonstruktionen auch stolz. Aber ein guter Gedanke pro Satz reicht aus. Verzichten Sie auf Nebensätze, die durch viele Kommas verschachtelt sind. Bringen Sie die Hauptinformation am Anfang. Das hält den Lesefluss flüssig und verständlich.
8. Fremdwörter und Anglizismen
Sie können problemlos Fremdwörter oder Anglizismen verwenden, wenn diese derart verbreitet sind, dass sie nicht mehr als Fremdwort wahrgenommen werden. Begriffe wie Handy, Computer und Internet kennt jeder. Auch weiß man in diesem Alter, was Jogging oder Bodybuilding ist. Versuchen Sie auch nicht, solche Begriffe krampfhaft einzudeutschen. Wenn Sie unsicher sind, schieben Sie einfach einen erklärenden Satz nach.
9. Fremdwörter erklären
Sie können auch unbekannte Fremdwörter in Ihren Text einbauen, sofern Sie diese direkt im darauffolgenden Satz verständlich erklären. Das sollte allerdings nur als Ausnahme geschehen. Zu viele Erklärschleifen stören den Lesefluss, überfordern die Kinder und lenken vom eigentlichen Thema ab. Wenn Sie über das Thema Inflation schreiben, ist ein kurzer Satz vielleicht zu wenig. Dann empfiehlt es sich, die Erklärung artikelübergreifend in eine Infobox auszulagern.
10. Aktiv statt Passiv
Verwenden Sie eher aktive Verben, die der Geschichte Geschwindigkeit und Lebendigkeit verleihen. Schreiben Sie also nicht: „Der Ball wurde von Mia ins Fenster geschossen“, sondern lieber: „Mia schießt den Ball ins Fenster“. Das Passiv wirkt oft schwerfällig und distanziert, während aktive Formulierungen die Kinder direkt in das Geschehen hineinziehen. Generell eignet sich das Präsens besser.
Wie sehen Ihre Erfahrungen aus? Hat Ihnen dieser Beitrag geholfen oder möchten Sie einen Aspekt ergänzen? Welches „Babygebrabbel“ in Kindermedien hat Sie schon einmal so richtig geärgert? Oder nutzen Sie die 15-Wörter-Regel bereits in Ihren Texten? Ich freue mich auf Ihre Anregungen und eine spannende Diskussion in den Kommentaren!
